Lumdatalstrecke wird für den Personenverkehr stillgelegt (Gießener Allgemeine, 29.05.1981)

Dies ist die Abschrift eines Zeitungsartikels aus der Gießener Allgemeinen Zeitung vom Freitag den 29. Mai 1981; Seite 29 (Kreis Gießen und Mittelhessen)

Die Veröffentlichung ist vom Verlag genehmigt.

„In den Zugwaggons war es gemütlich…“

Lumdatalstrecke wird für den Personenverkehr stillgelegt – AZ fuhr mit „Spätschichtler-Frühzug“ – heftige Kritik

Gießen (js)  5.42 Uhr Hauptbahnhof in Gießen: an Gleis 1 ertönt ein schriller Pfiff. Der rote Schienenbus der Bundesbahn fährt leise ruckelnd in Richtung Lumdatalstrecke los. Die Insassen wirken müde und abgespannt: Um 5.42 Uhr fahren seit vielen Jahren die „Spätschichtler“ auf dieser Linie. Am Mittwochmorgen vor dem Himmelfahrtstag unterhalten sich die Männer und Frauen aus dem Lumdatal nach absolvierter Nachtschicht ausschließlich über ein Thema, während der Schienenbus im Morgengrauen an grünen Feldern, an noch verschlafen wirkenden Pferden und Kühen auf den Weiden vorbeituckert.

In wenigen Tagen wird die Strecke „aus Ersparnisgründen“ für den Personenverkehr endgültig eingestellt.

Bereits eine Minute nach Abfahrt vom Gießener Hauptbahnhof eröffnet ein Spätschichtler aus Rabenau-Londorf die Gesprächsrunde mit einer Schimpfkanonade gegen „Rabenauer, die lauthals gegen die Streckenstillegung gewettert haben und zu faul sind, ein paar Meter bis zum Bahnhof zu laufen“. „Jeden Tag sind sie in die zu den Zügen parallel fahrenden Omnibusse eingestiegen. Wären die Leute wirklich konsequent mit der Bahn gefahren, hätte es keine teilweise halbleeren Waggons gegeben, und die Schließung wäre vielleicht doch verhindert worden;“ meinte er. Und er ergänzt noch „ein komisches Gefühl, jetzt fahre ich seit Jahren mit dem Frühzug nach Londorf und im Juni sitze ich in einem Omnibus, der ohnehin länger für die gleiche Strecke benötigt!“. Die anderen Insassen nicken.

Mit demselben Schienenbus fahren gegen 7 Uhr zahlreiche Oberhessen -teilweise seit über 20 Jahren- in die andere Richtung, nach Gießen zu ihrer Arbeitsstelle. Sie bestätigen, was der Londorfer bereits vorher gesagt hatte. Daniela Rabenau, eine 17-jährige Arzthelferin aus Staufenberg-Treis kritisiert, dass die Omnibusse längst nicht so schnell in Gießen sind wie die Züge. Sie rechnet vor: „mit dem Omnibus brauche ich eine dreiviertel Stunde, mit dem Zug 20 bis 25 Minuten“.  Peter Steinbach, der bei einem Friseur in der Universitätsstadt arbeitet, gibt der Arzthelferin recht. Der 36-jährige Treiser behauptet ebenfalls mit der Bahn schneller in Gießen zu sein.

Die 21-jährige kaufmännische Angestellte Bärbel Nachtigal aus Rabenau-Londorf weiß aus Erfahrung „Im Winter haben die Omnibusse manchmal bis zu zwei Stunden Verspätung. Die Bundesbahn war jedesmal pünktlich. Außerdem waren die Fahrten bequem und auf der schönen Strecke gemütlich. Wenn man vom einkaufen dick bepackt nach Hause wollte, waren die Körbe und Tüten bequem in den Waggons unterzubringen.“  Sie sagt „waren“ und spricht von Bahnfahrten bereits in der Vergangenheitsform….

Andere regelmässige Bahnbenutzer der Lumdatalstrecke hatten sich daran gewöhnt, in den Waggons auch mal die Toiletten aufsuchen zu können.

Kinderwagen, sagen sie, konnten bequem untergestellt werden. Ältere Leute, behaupten sie, führen ohnehin lieber mit dem Zug.  Wilhelm Aumann 40-jähriger Postbeamter aus Londorf, schließt sich dieser Meinung an. Mit Wehmut sieht er dem 31. Mai entgegen, wenn zum letzten Mal die Lumdatalstrecke mit den roten Bahnbussen befahren wird. Die Lumdatalbahn wird dann (in Zeiten der Energieeinsparung vielleicht vorerst?) der Geschichte angehören…….

Was meint die Bahnverkehrsstelle?

Die AZ erkundigte sich -was viele Bahnbenutzer noch nicht getan haben- wieviele Omnibusse auf der Lumdatalstrecke eingesetzt werden. „Werktags finden neun Fahrten in Richtung Londorf, elf Fahrten in die Gegenrichtung statt.“, informiert Gerhard Decker, Leiter der Gießener Bahnverkehrsstelle. Er erinnert daran, dass bei Zugfahrten zwei Personen Bundesbahnpersonal benötigt werden (Lokführer und Schaffner), bei Omnisbusfahrten lediglich der Fahrer.  „Außerdem“, sagt er, „halten die Omnibusse in manchen Orten an mehreren Stellen, so dass ein teilweise weiter Weg vom oder zum Bahnhof künftig erspart bleibt.“  Schließlich, so weist er noch einmal darauf hin, dass die Entscheidung der Stilllegung keine Entscheidung der Gießener Bundesbahn sei….

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